Hausarztverträge und Medien
Liebe Patientinnen und Patienten,
in den letzten Tagen mehren sich in Fernsehen, Radio und Presse die kritischen Meldungen über die sog. „Hausarztverträge“. Wir befürchten, dass Sie als unsere Patienten dadurch verunsichert werden. Auch wollen wir dem Versuch, die Hausärzte als geldgierige und verantwortungslose Berufsgruppe darzustellen, entschlossen entgegen treten.
Tatsache ist, dass nach mehrmonatigen Schiedsverfahren seit dem 1.7.2010 mit dem überwiegenden Teil der Gesetzlichen Krankenkassen Hausarztverträge geschlossen wurden. In Bayern haben nur die AOK und LKK die gesetzliche Vorgabe zum Abschluss eines solchen Vertrages freiwillig erfüllt. Entgegen der meisten Berichte bedeuten diese Verträge allerdings nicht „mehr Geld für gleiche Leistung“. Je nach Krankenkasse profitieren die Versicherten durch häufigere und umfangreichere Vorsorgeuntersuchungen, durch längere Sprechzeiten, Stärkung der sprechenden Medizin, extremen Bürokratieabbau (was mehr Zeit zur Behandlung der Patienten bedeutet!). Die teilnehmenden Ärzte verpflichten sich zudem zu einer noch intensiveren und gezielten Fortbildungstätigkeit und zur Bereitstellung einer umfangreichen Diagnose-Gerätschaft. In den vergangenen Jahren kam es in allen Bereichen der Praxistätigkeit zu einer Ausuferung der Bürokratie und kostenintensiven Qualitätsmaßnahmen. Der heutige Hausarzt hat in aller Regel eine 5-jährige Facharztausbildung mit abschließender Facharztprüfung durchlaufen. Auch in unserer Praxis stehen hochmoderne, teure Geräte, wie sie früher nur in internistischen Praxen zu finden waren. Dieser Fortschritt wurde honorartechnisch nie ausgeglichen. Wenn uns heute vorgeworfen wird, wir wollten „mehr Geld für die gleiche Leistung“, so ist dies nicht nur inhaltlich die Unwahrheit. Wir fragen uns stattdessen, warum die Kassen nie darüber sprechen, dass wir seit Jahren für das gleiche Geld immer mehr geleistet und investiert haben. Darüber hinaus haben manche Krankenkassen sich an den Bundesgesundheitsminister gewandt und angemahnt, er müsse ihnen zur Seite stehen, da ihnen durch die Hausarztverträge Zusatzkosten entstünden, welche zu Beitragserhöhungen führen würden.
Liebe Patienten, diese Kassen hatten zum Zeitpunkt ihres Schreibens an Herrn Dr. Rösler noch gar keine finanztechnisch wirksamen Hausarztverträge! Machen Sie sich bitte selbst ein Bild über ein solches Vorgehen. Zudem zeigen Beispiele aus dem Ausland, dass durch eine hausarztgesteuerte ambulante Medizin durchaus Kostensenkungen möglich sind.
Obwohl die Honorardiskussion immer viel Raum einnimmt ist dies nur ein Teil des Ganzen. Es geht uns Hausärzten vielmehr um das System und um den Erhalt der ambulanten hausärztlichen Versorgung. Damit ist nicht nur unser Schicksal, sondern auch das von Ihnen, unseren Patienten, verbunden. Ziel der Politik, insbesondere der FDP, scheint es zu sein, den freiberuflichen Hausarzt aus dem System zu entfernen. An seine Stelle sollen Medizinische Versorgungszentren rücken. Große Kapitalgesellschaften stehen bereits vor der Tür. Die Verknüpfungen zwischen Kapitalmarkt, Politik und sogenannten Beratern (wie z.B. die Bertelsmann“stiftung“) sind allgegenwärtig. Der „Gesundheitsmarkt“ ist einer der größten Wachstumsmärkte. Der „gemeine Hausarzt“ ist hier ein Störfaktor, und zwar umso stärker je mehr er sich wehrt. Hausärzte, die in einem starken Verband organisiert sind und ihre Vorstellungen – auch zum Wohle der Versicherten! – gegenüber der Politik und den Kassen vertreten, sind vielen Politikern ein Dorn im Auge. Kurt Tucholsky hat einmal gesagt: „Im Übrigen gilt in diesem Land jener, der auf den Schmutz hinweist, für gefährlicher als der, der ihn verursacht“. So kommen wir uns manchmal vor. Unser Interesse ist die gute ambulante medizinische Versorgung einer älter werdenden Gesellschaft, nicht nur heute sondern auch in Zukunft. Sollten die Vorhaben der schwarz-gelben Regierung so umgesetzt werden, wäre dies ein großer Rückschlag, auch für Sie als Patienten, v.a. für die Älteren und chronisch Kranken unter Ihnen, die einen Hausarzt vor Ort benötigen.
Unser Einfluss auf die Medien ist gering. Sachlich vorgebrachte Argumente finden keine öffentliche Wahrnehmung. Stattdessen landen wir auf der Titelseite der Erlanger Nachrichten unter der Überschrift „Empörung über Hausärzte“. In der ARD-Sendung Report Mainz vom 19.7.10 werden Hausärzte durch fingierte Vorgänge als unfähige Ärzte diffamiert. Wer hat Interesse an einer solchen Berichterstattung?
Liebe Patientinnen und Patienten, wir hoffen, Sie glauben nicht alles, was Sie in der Zeitung lesen oder im Fernsehen präsentiert bekommen.
Wenn Sie Fragen haben, sprechen Sie uns bitte an!
Ihr Praxisteam
